+++ Die Runde beginnt … alle Termine im Terminkalender+++

Erster Georgischer Rundbrief von TTC-Junior Pablo Schmelzer

am . Veröffentlicht in Allgemeine Infos

Pablo_Schmelzer_100x75Mitte Dezember erreichten uns ein Bericht, ein Rezept und ein paar Bilder aus Georgien. Aus Georgien? Richtig. Was das mit Tischtennis zu tun hat? Ganz einfach: Die Überschrift dieses News-Artikels verrät es, ein TTC-Aktiver machte sich im Herbst auf nach Georgien, um einige Zeit in einem Behindertenheim in Georgien unterstützend tätig zu sein. Diesen Erlebnisbericht möchten wir gerne auf unserer neu gestalteten Homepage veröffentlichen, ich denke das ist im Sinne von Pablo, und das neue Homepage-Format macht längere Artikel endlich mal sinnvoll zugänglich. Dies mag gleichzeitig als Gruß aus der Heimat nach Georgien an Dich, Pablo, gelten. Wir sind gespannt auf weitere Rundbriefe!

Für alle also, die Interesse haben, das Leben jenseits der Ortsgrenze von Edingen zu erkunden ;-)  geht es mit einem Klick auf Weiterlesen zum Bericht unseres Auslandskorrespondenten Pablo Schmelzer, fast live aus Temi, Georgien.

(Kurt)

Wir haben den 1. Dezember 2009. Die Sonne scheint, die Bäume sind, wenn auch nicht mehr voll, so doch immer noch üppig belaubt. Vögel zwitschern in Georgien eher selten, zumindest in den drei Monaten seit ich hier lebe. Das Datum verrät mir der Computer, wenn er es nicht täte, müsste ich raten und würde eher auf ein warmes spät sommerliches Datum als auf eines tippen, das für mich normalerweise den Winteranfang einläutet.

Aussicht vom Kloster, das Dorf GremiDas Gelände von Temi, links das neue SchulgebäudeDas korrekte Zeitgefühl ausgenommen, bekomme ich mehr und mehr das Gefühl in Temi angekommen zu sein. Die Anreise, der Nachtflug von Frankfurt nach Tbilissi, mit dem ersten Eindruck der überaus zuckrigen georgischen Küche, danach die Fahrt nach Gremi, völlig übermüdet, in einem schwarzen Opel, gefahren von Alekc, einem Georgier, dessen Gesicht mir vollends entfallen ist und der es als Kränkung seiner Fahrkünste ansieht, wenn sich einer seiner Beifahrer einen Gurt anlegen will, die georgischen Straßen begrenzt von knorrigen Bäumen, meist breit, in einem höllischen Tempo befahren, an ihren Rändern werden von alten Frauen pralle Wassermolen verkauft; schließlich die ersten kleinen Dörfer, an der Straße gebaut, Häuser mit Wellblech, ohne fließend Wasser, für die frühe Stunde ein sehr reges Treiben und endlich nach etwa 3 Stunden Halbschlaf, die Einfahrt von Temi, viele lachende Gesichter, ein reiches Frühstück und dann ein weiches Bett.

Gebäude in TemiDiese Erinnerungen sind inzwischen bruchstückhaft geworden, wie bei einer Reise an die man sich Monate später zurück erinnert, das Wesentliche, Aufregende behalten und anderes wieder vergessen hat; mit dem Unterschied, dass es keine Reise ist, denn was mich zu anfangs schockiert und begeistert hat wird mehr und mehr vertraut.

Es ist ein phantastisches Gefühl Vertrauen zu entwickeln für Neues, für Wunderliches aber auch für Abstoßendes; es ist das Gefühl in der Fremde anzukommen.

Da sich, wie schon gesagt, langsam Brüche in meiner Erinnerung bilden und da ich meine - nach drei Monaten Aufenthalt, in denen ich es absolut nicht schaffte meine bisherigen Erlebnisse auf Papier zu bringen – nun, mitten in den georgischen Herbstferien einen passenden Augenblick gefunden zu haben, an meine Spender und Förderer einen Rundbrief zu schreiben.

Kloster von GremiWer eine Landkarte Georgiens besitzt, sie vor sich ausbreitet, seine Blicke dem Osten des Landes zuwendet findet dort Telavi, die Hauptstadt der Region Kachetiens. Etwa 20 KM südlich, an den Hängen des Kaukasus, liegt ein kleines Dorf. Mit etwas Glück ist es auf der Karte verzeichnet. Nicht weil es die entsprechende Größe dafür besäße, sondern weil Gremi einmal die Hauptstadt Georgiens war und sein Kloster (ein Bild befindet sich im Anhang), auf einem Hügel sitzend im 16. Jh. die Residenz von König Levan dem Ersten bildete.

Unterkunft in TemiWenn ich morgens durch das Fenster meines Zimmers im Ersten Stock, müde blinzelnd den noch dämmernden Tag begrüße, kann ich, bei gutem Wetter die Umrisse des Klosters im Kontrast zum riesigen Kaukasus erblicken. Dieses sehr erhebende Bild gibt mir Kraft den Tag zu begehen, mein neues vertraut gewordenes Leben.

Ab acht Uhr in der Frühe herrscht in Temi ein reges Treiben. Noch vor Sonnenaufgang beginnen die Köchinnen (es gibt hier klare Rollenverteilungen: Nur Frauen, Behinderte und Freiwillige arbeiten in der Küche und in der Bäckerei) dem Holzofen auf dem später gekocht werden soll einzuheizen um sicherzustellen, dass ganz Temi, das sind mehr als hundert Menschen, ab neun Uhr sein Frühstück zu sich nehmen kann. Da der Essraum gerade einmal Platz für 20 Menschen bietet muss sozusagen in Schichten gegessen werden. Wir, die Freiwilligen bilden die Spätschicht und frühstücken um 10 Uhr.

Garten mit HügelbeetenDie zwei Stunden davor, ab acht Uhr arbeiten wir (Esther, Milan und ich) in einem Kräuter- und Gemüsegarten. Er wurde im Sommer 2008 angelegt und von uns im September noch einmal um seine Größe verdoppelt. Vor dem Frühling wollen wir im vergrößerten Teil neue Beete anlegen. Ein ehemaliger Freiwilliger aus Deutschland führte vor einem Jahr eine spanische Variante von Hochbeeten ein, die gut für den sehr steinigen und trockenen Boden geeignet ist. Nachdem die Grasschicht entfernt ist muss mit der Spitzhacke der Boden aufgehackt , die großen Steine zur Seite gelegt und anschließend die nun lockere Erde neben das Beet gesiebt werden. Das ganze wird drei- bis viermal wiederholt und anschließend kann die gesiebte Erde zusammen mit Kompost ins Beet geschaufelt werden (ein Bild befindet sich im Anhang). Das Resultat sind ein paar neue Blasen an den Händen, ein Hoch-Beet und so viele Steine, dass wir die Wege zwischen den neuen Beeten damit Pflastern können. Für die bei der Gartenarbeit anfallenden Grünabfälle haben wir gleich zu Anfang einen Kompost mit drei Parzellen gebaut.

Tür gegen KüheVor zwei Wochen wurden in die neu angelegten Beete Knoblauch gepflanzt, den wir im Frühjahr ernten können. Ansonsten haben wir die schon angelegten Beete noch einmal ausgebessert und für den regen Schubkarrenverkehr zwischen unserem Garten und den anderen Gärten ein geeignetes Holz-Tor gebaut. Da es in Temi keine Weide für die Kühe gibt dürfen sie frei auf dem Gelände lustwandeln. Das hat zur Folge, dass alles was nicht von den Kühen gefressen werden will, eingezäunt werden muss. So wimmelt es in Temi von Zäunen. Letztes Jahr wurden beispielsweise überall auf dem Gelände Nussbäume gepflanzt (die Nüsse werden für eine in Georgien weit verbreitete Leckerei verarbeitet, "Tschurtschchela". Für diejenigen, die in der kalten Jahreszeit gerne eine georgische Spezialität zu sich nehmen, habe ich ein Rezept eben dieser in den Anhang gestellt; siehe am Ende dieses Berichts). Nun ist jeder einzelne Nussbaum durch einen eigens dafür angefertigten Holzzaun vor hungrigen Kühen geschützt.

Nach der Gartenarbeit wird es für unsere ebenfalls hungrigen Mägen Zeit das Frühstück anzutreten, dass zwischen Grießbrei, Milchreis und Haferbrei variiert und zusammen mit frischem Brot eingenommen wird.

Bevor wir erneut im Garten arbeiten, trinkt man als Freiwilliger für gewöhnlich einen türkischen Kaffee und gönnt sich dabei eine Verdauungspause. Um halb zwölf gebe ich von Tag zu Tag unterschiedlich meine erste Klavierstunde. Insgesamt habe ich 12 Klavierschüler, die mehr oder minder begeistert bei der Sache sind. Mittlerweile stellt sich langsam heraus, wer von den Schülern ernsthaft daran interessiert ist, Klavier wirklich zu üben und Zeit und Kraft dafür zu opfern und wer nur gerne Klavier spielen würde, es mit dem Üben aber nicht so eng sieht. Die Klavierschüler sind fast alles Kinder, die in Temi leben und auch hier in die Schule gehen. Neuerdings nimmt auch eine Lehrerin der Temi-Schule bei mir Klavierunterricht. Mit der Verständigung wird es immer besser, da ich die für den Klavierunterricht nötigen Floskeln mittlerweile gelernt habe, das Georgisch immer besser beherrsche und mich auch mit Pantomime durchzuschlagen weiß.

Vor einem Monat erfuhr ich durch meine Mutter, dass einer sehr großzügigen Spenderin zum Dank, noch einmal 500 Euro auf mein Spendenkonto eingegangen sind. Dieses Geld wurde nun als Direktspende Temi gestiftet. Daraufhin konnte ich den Chef von Temi davon überzeugen von dem Geld ein neues Klavier zu kaufen, da das Alte allein in den drei Monaten seit ich hier bin vier Tasten verloren hat, insgesamt klingen nur noch ein Drittel der Töne und selbst bei den noch klingenden ist es sehr gutmütig von „klingen“ zu reden.

IchNinoEstherMarie_100x75Markt_100x75Vor einer Woche waren Esther, Milan und ich für ein paar Tage in Tbilissi um uns die wirklich wunderschöne Stadt einmal von nahem anzusehen, dabei trafen wir uns mit einem Klavierstimmer, der sich schon vorher nach einem Klavier umgehört hatte und fuhren mit ihm zusammen in die Banlieus von Tiflis. Dort wohnt in einer sehr ärmlichen Gegend ein junger Georgier mit seiner Familie in einem sehr baufälligen Gebäude aus der Sowjetzeit. Bei ihm fanden wir ein sehr gutes Klavier, des russischen Herstellers "Petrov". Deutsche Klaviere wie Zimmermann und Schimmel, so hörten wir, sind in Georgien im Gegensatz zu deutschen Autos sehr unbeliebt, da sie meist vor dem Mauerfall gebraucht aus der DDR importiert wurden und mittlerweile eine sehr schlechte Mechanik haben. Nun warte ich nur noch darauf, dass die Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners bestätigen, dass das Geld als Direktspende für Temi verwendet werden darf, was sie eigentlich schon getan haben.

Nach der Klavierstunde trinke ich, wenn ich es nicht schon vorher getan habe, und eigentlich auch dann, einen Kaffee, diesmal mit viel Zucker; schon habe ich die Kraft um meine anstehende Pause, die bis zum Mittagessen um halb drei reicht, sinnvoll zu nutzen. Weil ich mich sehr für Philosophie interessiere und ich mich manchmal innerlich zurückziehen muss, lese ich dann gerne aus einem Dreierband philosophischer Originaltexte, zusammengestellt von Hans-Georg Gadamer. Mit dem Wunsch sich zurückzuziehen sollte man es in Temi allerdings nicht allzu wörtlich nehmen.

Eine komplette Wand meines Zimmers besteht aus getünchtem Glas wie man es sonst nur von Badezimmerfenstern kennt. Direkt unter dem Türknauf klaffte noch bis vor einem Monat ein kleines aber bemerkenswertes Loch, durch das die Behinderten gerne mal hindurch zu luken pflegten. Eine andere Wand, die erstaunlich geräuschsdurchlässig ist, schließt mit dem Aufenthaltsraum der Schwerbehinderten an; und da es anscheinend immer wieder Grund zu streiten gibt, muss man sich in meinem Zimmer niemals über Stille beklagen.

Das Mittagessen besteht meist aus einer Suppe "Lobbio", mit erneut sehr leckerem Brot. Hinterher gebe ich, vorausgesetzt, der Schüler erscheint, meine zweite Klavierstunde. Da meine Schüler mit ihren Klavierkenntnissen sehr unterschiedlich dastehen und ich, noch in Deutschland, nicht mit einem derartigen Anklang meiner Idee Klavierunterricht zu geben gerechnet hatte, steht es um meine Notenvielfalt sehr kärglich. Ich besitze hier lediglich eine Klavierschule für blutige Anfänger, deren Inhalt sich mit "Bruder Jakob" und "Fuchs du hast die Gans gestohlen" ausschöpft und zum anderen Noten mit denen ich selber übe, die für meine Schüler wirklich eine zu große Herausforderung währen. Ein anderes Problem ist, dass die meisten meiner Schüler am liebsten entweder "Titanic" oder "Für Elise" spielen würden. Da das nicht geht, habe ich meine Mutter gebeten mir das "Album für die Jugend" von Schumann zukommen zu lassen, von dem ich selber die meisten der Stücke geübt habe und es sich sehr gut für meine Schüler eignet. Nino und Nazi spielen jetzt erstmal "Für Elise" und "Titanic"; die Noten konnte ich im Internet finden und habe sie anschließend in Telavi ausdrucken können.

TemikinderKäthie, Pablo und MsiaEtwa um halb fünf arbeiten Esther, Milan, eine andere Freiwillige aus der Schweiz und ich zusammen mit vier Behinderten: Edu, ein etwas schüchterner junger Mann, immer mit einem kleinen Sonnenhut auf dem Kopf, der mit nur einem Arm zur Welt gekommen ist und sich sehr freut wenn er was Nützliches zu tun bekommt, Natia, ein sehr lebhaftes lockiges Mädchen, fast immer lachend, dass bei der Arbeit gerne den anderen zusieht, während sie selbst für Georgier sehr unverständliche Sätze von sich gibt, Mari, eine kleine Dame, die sich am liebsten vor der Arbeit drücken würde, es dabei sogar in Kauf nimmt bei dem Versuch unseren mit Stacheldraht umgrenzten Garten zu verlassen ein paar Kratzer zu ergattern, die aber, sofern wir sie im Garten halten konnten nach getaner Arbeit mit stolzer Stimme allen, die es hören wollen erklärt, dass sie gerade gearbeitet hat. Als letztes ein Mädchen namens Msia, das sich mit krächzender Stimme, lauthals schimpfend gerne mal gegen den Chef von Temi auslässt, im Garten aber friedlich arbeitet und nur ab und an ein gehässiges Lachen verlauten lässt. Die Arbeit mit den Vieren war anfangs sehr schwierig und beschränkte sich oft nur darauf vergeblich Überzeugungsarbeit zu leisten, dass Gartenarbeit doch auch Spaß machen kann. Dazu kommt, dass man als Freiwilliger erst einmal damit leben muss, selbst behindert zu sein – sprachbehindert – was die anderen Behinderten manchmal auf sehr originelle Art auszunutzen verstehen. Mittlerweile haben sich die Vier daran gewöhnt jeden Nachmittag für eine Stunde im Garten zu arbeiten und zeigen auch erkennbare Freude daran.

WeinernteWeinernte_100x75Nach meiner letzten Klavierstunde um halb sieben gibt es "wachschame" - Abendessen. Danach wird Skat gespielt, gelesen, geplaudert oder Temi hat mal wieder einen mehr oder weniger einleuchtenden Vorwand gefunden ein Fest zu feiern. Dann sitzen alle die in der sehr strengen Hierarchie von Temi dazu vorgesehen sind in der Küche, trinken Wein und singen georgische Volkslieder, die sehr beeindruckend sind, von denen ich aber ein andermal schreiben werde. So lege ich mich den Umständen entsprechend manchmal beschwipst, manchmal auch einfach nur müde, schlafen, aber immer guter Dinge ob meines neu gefassten Gefühls der Vertrautheit.

AusflugIm Anhang findet sich noch das versprochene Rezept der Leckerei. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine besinnliche Weihnachtszeit.

Pablo Schmelzer

 

Rezept für "Tschurtschchela"

Zutaten:

  • 1 Liter Traubensaft
  • 200 g Maismehl
  • Zucker - je nach Geschmack

Eine Hälfte des Traubensaftes in eine Schüssel geben und mit dem Maismehl vermischen. Die andere Hälfte des Saftes in einem Topf auf kleiner Flamme kochen lassen und langsam, das Saft-Mehl-Gemisch hinzugeben. Zucker nach belieben beimischen. Das Ganze muss immer umgerührt werden, damit es nicht anbrennt. Nun das Gemisch zum kochen bringen. Wenn es eine dickflüssige Konsistenz annimmt, kann man

a) den Brei als Dessert servieren

b) nach georgischer Art:
Rezept-Bild_100x66Walnüsse mithilfe einer Nadel auf einen etwa 15 cm langen Bindfaden fädeln. Den Faden anschließend in den Brei tunken. Nach etwa 5-10 Sekunden wieder herausziehen. Der Brei sollte sich um die Nüsse festgesetzt haben. Nun den Faden an einer passenden Stelle je nach belieben zwei, drei Monate aufhängen.